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Wenn der Worst Case eintritt: Eine Übung in Resilienz

Hier wollten wir eigentlich hinziehen. Daraus wird jetzt nichts.
Hier wollten wir eigentlich hinziehen. Daraus wird jetzt nichts.

Was, wenn das Leben nicht so spielt, wie man es geplant hat? Wenn ein Worst-Case-Szenario Realität wird? Nun, dann heißt es: Schlechte Gefühle aushalten und einfach den nächsten richtigen Schritt gehen.

 

Was habe ich im August noch getönt: Schicksalhafte Begebenheiten führen uns nach Offenburg (in diesem Artikel habe ich darüber berichtet)! Schließlich habe ich wenige Wochen nach den ersten ernsthaften Gedanken an einen Umzug die Zusage zum Traumjob bekommen und am selben Tag hat mein Freund das ideale neue Zuhause aufgetan. Das musste doch was bedeuten. Trotzdem hatte das Schicksal eine Überraschung parat.

 

Aus der Bleibe wurde nämlich nichts – und zwar auf den letzten Drücker. Die Möbel stehen sogar schon drin. In die Tiefe möchte ich hier nicht gehen – nicht, weil es ein Geheimnis wäre, sondern weil ich die Geschichte nun schon so oft erzählt habe, dass sie mir zum Halse heraushängt und ich mit dem Thema abschließen will. Nur so viel: Wir hatten bis zuletzt keinen Mietvertrag (ja, das war etwas naiv) und sind uns am Ende mit dem Vermieter über ein paar wichtige Dinge nicht einig geworden. Der Schritt, das Ganze abzublasen, war für beide Seiten die richtige Entscheidung. Aber es ist natürlich krass. Für uns ein Wort Case.

Wenn sich das schlechte Gefühl nicht mehr wegdrücken lässt

Zwar hatte sich schon länger ein schlechtes Gefühl eingestellt – immer wieder kamen kleine Uneinigkeiten mit dem Vermieter hinzu, die wir zunächst geschluckt haben. Anfangs habe ich häufig meine Bedenken geäußert wegen des fehlenden Mietvertrags und der (höher werdenden) Kaltmiete – leider nur meinem Freund gegenüber. Wir hatten schon vor Monaten die Wohnung in München gekündigt, hätten genug Zeit gehabt, die Dinge zu klären oder Alternativen aufzutun. Aber auch in diesem Punkt habe ich mein schlechtes Gefühl unterdrückt, abgetan, meinem übermäßigen Kontrollbedürfnis zugeschrieben.

 

Und irgendwie habe ich auch aus einer Position des Bittstellers heraus agiert gegenüber dem Vermieter: Bloß nicht zu viel nachfragen, bloß nicht meinen Zweifeln Gehör verschaffen, bloß nicht konkret seinen Forderungen nach mehr Geld hier und Übernahme der Kosten da widersprechen oder zumindest sagen: Darüber muss ich nachdenken.

 

Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich aus diesem Worst Case gelernt habe: Auch schlechten Gefühlen trauen, selbst, wenn sie die ein oder andere angenehme Illusion platzen lassen könnten. Und nicht alles mit mir machen lassen, selbst, wenn ich mich gefühlt in der Position der Schwächeren befinde. Seltsam, aber eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass es mir an diesen beiden Eigenschaften mangelt. Offenbar doch.

 

"Gehen Sie zurück auf Los. Ziehen Sie keine 4000,- DM ein." In unserem Fall:

  • Möbel, die teilweise schon aufgebaut waren, wieder aus dem Haus holen.
  • Einen weiteren Umzug zahlen – und danach vielleicht noch einen, wenn wir bis Ende des Monats keine neue Wohnung gefunden haben.
  • Weiter in einer Ferienwohnung leben (die auf den letzten Drücker aber auch nicht Wochen am Stück frei sein dürfte).

Wie gesagt ein Worst Case, an dessen Eintreten ich zunächst überhaupt nicht denken mochte! Bevor die Entscheidung fiel, habe ich mich erst gegen diese Möglichkeit gewehrt. Sowas darf eben nicht passieren. Aber vielleicht passiert es doch manchmal? Sogar mir, die ich mich immer als Glückskind empfinde?

 

Irgendwann – es war ein Prozess von wenigen Stunden – nimmt man den Worst Case dann zumindest als Möglichkeit an. Ja, es könnte passieren. Was dann? Dann wird es irgendwie weitergehen. Meine Integrität wollte ich auf jeden Fall nicht weiter untergraben und alle Punkte, bei denen ich mich nicht wohlfühle, dem Vermieter gegenüber ansprechen. Wenn das Ganze dann platzen sollte, platzt es. Aber mein schlechtes Gefühl wollte ich nicht weiter ignorieren.

Eine Übung in Resilienz

Und dann tritt der Worst Case tatsächlich ein und ich bin beides: Aufgewühlt und ganz ruhig. "Krass!! Aber ok, dann gehe ich halt den nächsten Schritt von hier aus. Und dann den nächsten." Und irgendwie ist es dann doch nicht so schlimm. Und man hält es doch aus. Und durch.

 

Der Umzug, der für uns Ende Oktober begann und noch immer nicht abgeschlossen ist, ist daher eine Übung in Resilienz. Wenn die Vorstellung, die man als ganz schlimm empfunden hat, zur Realität wird, bleibt nichts anderes übrig als: Weitermachen. Und ich muss sagen, ich bin stolz auf mich. Der Kokon aus Sicherheit, Bequemlichkeit und Kontrolle, den ich in München um mich gesponnen habe, ist zerrissen. Ich bin relativ gelassen. Klar habe ich auch mal ein Tränchen verdrückt. Ich vermisse es natürlich, ein Zuhause zu haben.

 

Aber jedes Mal, wenn ich Angst habe oder mir leid tue, denke ich mir – und ja, das ist ein Klischee, aber nichtsdestotrotz wahr: Es könnte schlimmer sein!

Ja, ich habe gerade kein Zuhause. Aber ich habe ein Dach über dem Kopf.

Ja, der Umzug nach Offenburg ist nicht so gelaufen, wie erwartet. Aber mein neuer Job ist toll und macht Spaß.

Ja, mein Freund ist aus beruflichen Gründen oft tagelang nicht bei mir und ich bin allein in seiner Heimatstadt. Aber wir haben ein soziales Netz hier und werden mit offenen Armen empfangen.

Ja, ein zweiter (dritter?) Umzug ist teuer. Aber wir verdienen Geld.

Ja, es ist nicht perfekt. Aber meine Lieben und ich sind gesund.

Eine gute Gelegenheit, etwas über mich selbst zu lernen

Habe ich damals die Zeichen falsch gedeutet, weil sich nun doch manches anders entwickelt hat, als gedacht? Ich glaube nicht. Meine Mutter hat es so formuliert: „Das Schicksal wollte euch schnell nach Offenburg bringen und das seid ihr nun.“ Ja, Schicksal, du hast ganze Arbeit geleistet.

 

Mein Vertrauen, dass alles so kommt, wie es gehört, ist ungebrochen. Und die Widrigkeiten haben mir gezeigt: Ich bin stark. Ich bin mutig. Ich stehe für mich und meine Prinzipien ein (in Zukunft hoffentlich noch früher). Und – ein ganz neues Gefühl: Ich bin gelassen.

 

Schlechte Gefühle auszuhalten, sie nicht aktiv beiseite zu schieben, sondern sie kommen, bleiben und ziehen zu lassen ("Let it come, let it be, let it go" – siehe Tipps unten), hilft dabei zu merken: Solche Gefühle bringen einen nicht um.

 

Den nächsten richtigen Schritt tun – mehr braucht es oft nicht. Mehr muss man nicht wissen.

 

Bis bald

Deine Silke

 

Live lightly. Consume mindfully.


Meine Tipps für heute:

  • Der gute Rat "Lass einfach los" ist eben gar nicht so einfach. David vom Blog Raptitude beschreibt die Idee, die auch mir weitergeholfen hat. Statt sich mit dem oft wenig hilfreichen "Let it go" zufriedenzugeben, setzt er auf den Tipp eines Meditationslehrers names John Yates: "Let it come, let it be, let it go." Hier Davids Blogpost dazu (englisch).
  • Immobilienscout und Immowelt! ;-)


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