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Großzügig ohne Vorurteile

Fast täglich begegnen mir Bettler. Selten habe ich etwas gegeben – aufgrund von Bequemlichkeit, aber auch Vorurteilen. Dieses Verhalten und die zugrundeliegenden Denkmuster möchte ich jetzt ändern und jeden Bettler, der mir begegnet, mit einer kleinen Spende unterstützen.

 

Du kennst das sicher: Jeden Tag – abhängig natürlich davon, wo man lebt – begegnen einem Obdachlose und Bettler (ist der Ausdruck politisch korrekt? Mir fällt partout kein anderer ein). Ich erinnere mich, dass meine Mutter ihnen, als ich ein Kind war, etwas gegeben hat – ob das nur ab und zu war oder ihr standardmäßiges Verhalten, weiß ich nicht mehr. Einmal haben wir einem Bettler eine Breze geschenkt („weil er sich von Geld nur Alkohol kaufen würde“). Er war nicht begeistert.

 

Ein weiterer Ideengeber für mich ist mein Freund: Er kauft jedem Biss-Verkäufer eine Zeitschrift ab (Biss wird von Obdachlosen verkauft, die an den Erlösen mitverdienen, siehe Link-Tipps unten). Er liest sie nie (was aus Minimalismus- und Less-Waste-Gesichtspunkten immer an mir nagt) und kauft sie sogar ein zweites Mal, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ich habe es ihm vielleicht noch nie gesagt, aber: Das imponiert mir sehr. Ab und zu mache ich es ihm nach (und zwinge mich dann dazu, die Zeitschrift auch zu lesen*).

Verdient der eine meinen Euro mehr als der andere?

Trotzdem ist es in den Jahren oder sogar Jahrzehnten seit meiner Kindheit für mich nicht zur Gewohnheit geworden, Bettlern etwas zu geben. Es ist eher die Ausnahme. Jedes Mal, wenn ich einem Bettler (oder einer Bettlerin, die in den letzten Jahren gefühlt zahlreicher geworden sind), begegne, ist es irgendwie unangenehm. Man kommt sich schäbig vor, nichts zu geben. Wie ein Yuppie, der mit Designer-Tasche rumläuft und sein Geld lieber anders ausgibt, als Gutes zu tun. Man senkt den Blick und vergrößert den Abstand, während man vorbeieilt.

 

Manchmal überlege ich dann ein bisschen: Gäbe ich Geld, würde ich überhaupt Gutes tun? Wir alle kennen die unterschiedlichen Arten von Bettlern: Manche sind sichtlich körperlich beeinträchtigt. Die urbane Legende besagt, sie würden extra verstümmelt, um mehr Geld einzubringen. Ich habe das nicht weiter recherchiert, aber für bare Münze bekommen. Es ist ganz bequem, sich sagen zu können: Dieses Ausbeutertum will ich nicht unterstützen!

 

Anders sieht die Sache aus, wenn sich Menschen durch ein Talent hervortun, etwa Musizieren; am S-Bahnhof bei uns gibt es auch einen jungen Mann, der zeichnet. Da geht der Geldbeutel schneller auf – man könnte fast sagen: „Die tun ja auch was für ihr Geld“.

 

Und auch bei Bettlern, die einfach nur still dasitzen wie ein Häufchen Elend, sitzt der Euro (und mehr ist es in der Regel nicht) lockerer. Sie lösen Mitleid in mir aus.

 

Das, was ich gerade beschrieben habe, basiert auf einer lange eingeschliffenen Denkweise, Vorurteilen, die mir in weiten Teilen unbewusst waren. Doch in letzter Zeit habe ich sie mir nach und nach bewusst gemacht. Und überprüft, ob sie für mich stimmig sind.

Jetzt bekommt jeder Bettler einen Euro

Der Winter war hart, ich war eingemummelt in meine dickste Jacke, die Füße in gut gefütterten Schuhen und trotzdem immer dankbar, nach Hause ins Warme zu kommen. Wenn mir in den vergangenen Wochen und Monaten draußen Bettler begegnet sind (vor allem die körperlich beeinträchtigten waren zahlreich), habe ich mir gedacht: Egal, was der Hintergrund ist, dieser Mensch muss stundenlang hier draußen verbringen, vielleicht sogar unter Schmerzen. So arm ist er. Wäre er nicht so arm, würde er das nicht machen. Und wenn er so arm ist, dann sind die restlichen Gründe, warum er hier steht, humpelt, sitzt, klagt, gleichgültig. Dann gebe ich ihm gerne was.

 

Also habe ich einen Pakt mit mir geschlossen: Bis auf Weiteres gebe ich jedem Bettler, Straßenmusikanten, etc., dem ich begegne, einen Euro. Nicht viel, an sich. Ich bin gespannt, wie viel es am Ende des Monats ausmacht. Zehn Euro? 40 Euro?

 

Nicht jeder wird das so machen wollen – es kommt ja, wie gesagt, auch darauf an, wo man wohnt. In München kann ein Tag vergehen, an dem man keinen einzigen Bettler sieht. An anderen Tagen – natürlich auch abhängig davon, wo man sich in der Stadt bewegt – sind es sieben. Aber ich habe es nicht nötig, mein Geld zusammenzuhalten, ich brauche derzeit nicht so viel, als dass ich anderen nicht ein bisschen helfen könnte. Ich erlaube mir jetzt den vorher unbequemen Gedanken, dass jeder, der es nötig hat, in solchen Umständen andere um Geld zu bitten, dieses auch braucht. Und es ist nicht meine Aufgabe, zu entscheiden, wer es nötiger hat und wer darauf verzichten kann.

 

Bis bald

Deine Silke

 

Live lightly. Consume mindfully.

 

*Ich möchte damit nicht sagen, dass die Zeitschrift Biss uninteressant ist. Die Sache ist nur: Jede Zeitschrift, die (oft auf wundersame) Art bei uns landet, wird meist nicht gelesen. Wir sind einfach nicht die Typen dafür und verzichten daher in der Regel auch darauf, Zeitschriften ins Haus zu holen geschweige denn zu abonnieren.

Ich habe allerdings die Lösung für das Biss-Dilemma: Nächstes Mal sage ich einfach, ich hätte die Ausgabe schon gekauft, wolle aber trotzdem nochmal unterstützen. Klar, es ist eine Notlüge, die aber für mich aber aus ethischen Gesichtspunkten die besten Lösung darstellt.


Meine Tipps für heute:

 

Hier gibt's mehr Infos zum Magazin Biss: 

http://biss-magazin.de/

 


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